200302ausbildungsargument

Ausbildungsleistung des Handwerks

Die tatsächliche Ausbildungsleistung des Handwerks

Zur tatsächlichen Ausbildungsleistung des Handwerks stellt die
Bundesregierung in der
Begründung zum Entwurf eines Dritten Gesetzes zur Änderung der
Handwerksordnung und anderer gewerberechtlicher Vorschriften
“ fest:

Die Lehrlingszahlen sind von 615.348 in 1995 bis 1997 auf 632.545
gestiegen, dann aber auf 527.887 (- 14,2 %) in 2002 gesunken.

Das Handwerk stellt ca. 31% (2002) aller neu abgeschlossenen
Ausbildungsverhältnisse zur Verfügung. Im Vergleich zur übrigen
ausbildenden Wirtschaft wird im Handwerk ein überdurchschnittlicher
Anteil an Ausbildungsverträgen vorzeitig gelöst. Während die
Abbrecherquote in der Industrie von 1997 bis 2000 von 17%
auf 20% und bei den freien Berufen von 23,4% auf 25,7% anstieg,
hat sie sich im Handwerk im gleichen Zeitraum von 25% auf
fast 30% um ein Fünftel verschlechtert.

Für die Ausbildungsleistung des Handwerks bedarf es nicht des
Meisterzwangs

Seit Inkrafttreten des Berufsbildungsgesetzes 1969, seit mehr
als dreißig Jahren, werden alle Lehrlinge in allen
Wirtschaftszweigen einheitlich nach den inhaltlich gleichen
Vorschriften ausgebildet und erreichen gleichwertiges
Gesellen-(Facharbeiter-) Niveau :

  • In Industrie und Handel werden hiernach gut zwei Drittel
    aller Lehrlinge ausgebildet, in Vollhandwerksberufen nur
    weniger als ein Drittel.
  • Als Voraussetzungen für die Berechtigung zur
    Lehrlingsausbildung reichen in Industrie und Handel

    – wie auch im Handwerk für die Ausbildung zu
    nicht-vollhandwerklichen Berufen (d.h. die Ausbildung
    zur Verkäuferin, in den Büroberufen sowie in allen
    handwerksähnlichen Berufen der Anlage B !) –

    Fachkenntnisse
    auf Facharbeiterniveau in Verbindung mit der (nach nur einer
    Woche Vollzeit-Ausbildung ablegbaren) Ausbildereignungsprüfung
    (§ 20 f i.V.m. § 6 BBiG).

  • Für die Handwerke der Anlage A hingegen wird nach der
    Handwerksordnung fachlich ein Meisterniveau als Voraussetzungen
    für die Berechtigung zur Lehrlingsausbildung gefordert.
  • Nichts rechtfertigt diese unverhältnismäßig höheren
    Anforderungen (20.000 bis über 50.000 Euro Kosten je Handwerk
    für Vorbereitung und Meisterprüfung (incl. Unterhalt /
    entgangenem Einkommen), 6 – 12 Monate Vollzeitausbildung an
    wenigen zentralen Meisterschulen oder entsprechend viele Jahre
    berufsbegleitenden Unterrichts mit jeweiligem Pendeln zu den
    Teilzeit-Meisterlehrgängen, beides für Familiengebundene sehr
    schwierig bis unmöglich) für die Berechtigung zum Ausbilden in
    Anlage-A-Handwerken ! Die Praxis in den vergangenen dreißig
    Jahren nach dem Berufsbildungsgesetz belegt vielmehr auf
    beste Weise, dass der Meisterzwang hier unnötig ist, eine
    völlig überzogene Anforderung ! Aber was soll den Meisterzwang
    des § 1 HwO dann noch rechtfertigen ?
  • Für den Zugang zur selbständigen Ausübung eines Gewerbes
    gibt es in Industrie, Handel und sonstigen Gewerben, die nicht
    zur Anlage A der HwO zählen, seit eh und je (bis auf wenige
    Spezialbereiche) keine fachlichen Voraussetzungen. Das
    Bundesverfassungsgericht selbst hat im Jahre 1965 die
    Forderung nach der Kaufmannsgehilfenprüfung für
    verfassungswidrig erklärt (BVerfGE 19, 330) und im Jahre
    1972 für den Restbereich des Einzelhandelsgesetzes so strenge
    Maßstäbe der Verhältnismäßigkeit aufgestellt (BVerfGE 34,71),
    dass in der Praxis nur wenige Zugangsbarrieren übrig geblieben
    sind. Die obige Aussage von 1961 zur Handwerksordnung ist mit
    dieser späteren Entwicklung nicht mehr zu vereinbaren !

Gerade auch die Diskussion um den Meisterzwang für den
Trockenbau hat ergeben, dass im meisterfreien Trockenbau auch
ohne Meisterzwang auf hohem Niveau ausgebildet wurde.
MdB Christian Lange hat in der Bundestagsdebatte am
25.02.2000 ausgeführt:

„Das Ausbildungsniveau des deutschen Trockenbaus, das auch auf
die Ausbildungsleistung industrieller Trockenbauer zurückzuführen
ist, ist anerkanntermaßen hoch. Dies wird durch die jeweiligen
Richtzeiten für die Lehre trockenbauspezifischer Arbeiten
bestätigt. Daraus folgt auch, dass der Trockenbaumonteur als
praxisrelevanter, berufsspezifischer Bildungsweg neben dem
Handwerk gelten kann“.

Für die Ausbildungsleistung des Handwerks bedarf es also nicht
des Meisterzwangs, sondern nur der bewährten Regelungen des
Berufsbildungsgesetzes !

Weiter stellt sich die Frage, ob die Ausbildungsberechtigung
mit der Berechtigung einen Betrieb zu führen gekoppelt werden muß.

Dahinter steht die Vorstellung, dass ohne diese Koppelung zu viele
Betriebe entstehen würden, bei denen der Betriebsleiter nicht
ausbilden dürfe und die deswegen auch nicht ausbilden. Auch dem
könnte begegnet werden, indem – ab einer gewissen Betriebsgröße –
vorgeschrieben würde, dass ein Mitarbeiter die Berechtigung zum
Ausbilden haben muß – nicht notwendigerweise der Betriebsleiter.
Allerdings ist auch diese Regelung abzulehnen, denn auch in
Industrie und Handel wird die Berufsfreiheit nicht durch derartige
Regelungen beschränkt; sie würden eine ungerechtfertigte
Ungleichbehandlung darstellen.

Grund für die relativ hohe Ausbildungsbereitschaft im Handwerk
sind die im Vergleich zu Industrie und Handel deutlich niedrigeren
Kosten der Ausbildung (noch genauer : vor allem der größere Nutzen,
den die Handwerksbetriebe von der Arbeitskraft der Auszubildenden
haben). Im Handwerk verbleiben bei der Teilkostenrechnung nur
Nettokosten von durchschnittlich DM 400,- pro Jahr und
Ausbildungsplatz. Die Nettoteilkosten der Ausbildung sind damit
im Handwerk wesentlich geringer als in dem Kammerbereich Industrie
und Handel. Dort liegen die Nettokosten bei DM 9.193,- (vgl.
Richard von Bardeleben, 1994, Kosten und Nutzen der betrieblichen
Berufsausbildung, in Bildung Wirtschaft Praxis 23 (3): 3-11).
Weiterhin stellt die Studie heraus, dass die Ausbildung in
kleineren Betrieben generell im Durchschnitt mit niedrigeren
Nettokosten verbunden ist als in größeren Betrieben.

Dieser Kostenunterschied ist der Grund für die unterschiedliche
Ausbildungsbereitschaft unterschiedlicher Wirtschaftsbereiche und
nicht etwa der Meisterzwang. Deswegen bedarf es nicht des
Meisterzwangs um die Ausbildungsbereitschaft des Handwerks zu
erhalten !

Diese Thema ist vertief in der Analyse der „Ausbildungsleistung“ des Handwerks.

Ausbildungskosten

Bei der Frage nach den Kosten der Ausbildung fordert der BUH, dass akademische und
berufliche Ausbildung gleich oder zumindest ähnlich behandelt werden.

Heute bekommen Unternehmen mit hohem Akademikeranteil die Berufsausbildung
über Universitäten und Hochschulen zu einem großen Teil von der Gemeinschaft
finanziert. Unternehmen mit einem hohen Anteil von Mitarbeitern mit einer
beruflichen Ausbildung finanzieren die Ausbildung ihrer Mitarbeiter selber.
Letztlich zahlen die Arbeitnehmer mit beruflicher Ausbildung diese
Ungleichbehandlung über langfristig niedrigere Löhne. Im Handwerk arbeiten
fast keine abhängig Beschäftigten mit akademischer Ausbildung. Die heutige
Finanzierung von akademischer und beruflicher Ausbildung erscheint uns
als eine Subventionierung von Unten nach Oben. Auch die Ausbildungsvergütung
in der beruflichen Ausbildung ändert daran nichts.

Ausbildungsplatzabgabe

Obwohl alle Tatsachen dagegen sprechen, dass der Meisterzwang
überhaupt notwendig ist, um die Ausbildungsleistung des Handwerks
zu erhalten, ist der Meisterzwang bei weitem nicht das mildeste
Mittel um die Ausbildungsleistung der Wirtschaft zu steigern. Mit
einer Ausbildungsplatzabgabe könnte der Gesetzgeber eine Instrument
schaffen, mit dem die Ausbildungsbereitschaft nicht nur des
Handwerks, sondern aller Unternehmen gesteigert werden könnte.
Eine Ausbildungsplatzabgabe wäre ein weit milderes Mittel zur
Förderung eines Gemeinschaftsinteresses. Tatsächlich hatte der
Gesetzgeber sie auch schon im Ausbildungsplatzförderungsgesetz
vom 7. September 1976 (BGBl. I S. 2658) vorgesehen. Mit der
Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu – 2 BvF 3/77 –
wurde dieses Gesetz aber wieder aufgehoben, weil das Gesetz nicht
mit Zustimmung des Bundesrates verabschiedet wurde; diese wäre
aber in jenem Falle notwendig gewesen.

Auch in den letzten Jahren wurde immer wieder – insbesondere
von Gewerkschaften – eine Ausbildungsplatzabgabe zur Stärkung
der Ausbildungsbereitschaft der Wirtschaft gefordert. In der
Stellungnahme des Hauptausschusses des Bundesinstituts für
Berufsbildung zum Entwurf des Berufsbildungsberichtes 1999
der Bundesministerin für Bildung und Forschung wurde diese
Forderung ebenfalls wie folgt erhoben:

„Da die Wirtschaft und der öffentliche Dienst den
zukünftigen Herausforderungen beim Ausbildungsstellenangebot
nicht gerecht werden und kein ausreichendes und auswahlfähiges
Angebot zur Verfügung stellen, muß mit der bundesweiten
Einführung der Ausbildungsplatzabgabe politisch gehandelt
werden. Dies käme den Vorstellungen von 55 Prozent der
mittelständischen Unternehmen nach, die laut vom BIBB
durchgeführter Erhebung im Jahre 1998, einen finanziellen
Lastenausgleich zwischen ausbildenden und nicht ausbildenden
Unternehmen für wichtig halten“.

Nicht ein Meisterzwang für Industrie und Handel, sondern ein
milderes und wirkungsvolleres Mittel – die Ausbildungsplatzabgabe –
wird zur Steigerung der Ausbildungsleistung von den Experten
gefordert !

Siehe auch die Anfrage des MdB Dirk Niebel (FDP) zu
Unterschiedliche Anforderungen an Ausbilder in Industrie und
Handel und im Handwerk; Auswirkungen auf das Ausbildungsplatzangebot

Weitere Informationen


http://www.buhev.de/

Bei Anmerkungen und Kritik freut sich der BUH über email, Post oder FAX an die Geschäftsstelle.

BUH e.V.: Artilleriestr. 6, 27283 Verden,

Tel: 04231-9566679, Fax: 04231-9566681,


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